Interview mit Aaron Wahl

Welt- Autismus- Tag

Heute ist der Welt- Autismus- Tag. Passend dazu erschien gestern die Autobiographie „Ein Tor zu eurer Welt“ von Aaron Wahl. Mit dem Untertitel: Wie ich als Autist meine Gefühle lieben lernte.

Im Rahmen der Veröffentlichung seiner Autobiographie durfte ich Aaron Wahl ein paar Fragen stellen. Ich fand es total spannend. Nach der Lektüre des Romans war ich total bewegt und traute mich fast gar nicht noch weitere Fragen zu stellen. Mir war jede Frage irgendwie zu simpel und zu unwichtig gegenüber diesem emotionalen Buch. Am Ende blieben 10 Fragen übrig, die ich an Aaron Wahl gerichtet habe. Die Antworten sind einfach nur gut und machen Lust, seine Geschichte zu lesen.

Mehr zum Welt- Autismus- Tag erfährst du heute in der Facebook Veranstaltung dazu.

Interview mit Aaron Wahl

Aaron Wahl

Lieber Aaron Wahl, vielen Dank für deine bewegende Geschichte. Magst du dich meinen Lesern kurz vorstellen?

Mein Name ist Aaron Wahl, ich bin Autist, 28 Jahre alt und lebe in Hamburg.
Ich leite im PEM Center – Kunst und Kulturzentrum für emotionale Bildung ein Projekt, welches die Stärken von Autisten fördern will und ihre individuellen Schwierigkeiten auf Basis von Menschlichkeit angeht und wenn sie möchten, löst, jedoch ohne in die Persönlichkeit oder Psyche einzugreifen.
Mein Wunsch ist es, dass Autisten „sie selbst“ sein dürfen, in der vollkommenen Individualität wie alle anderen Menschen auch und mit dem Fokus auf dem was sie gut können und das sie die Möglichkeit erhalten, diese teilweise bemerkenswerten Fähigkeiten einzusetzen, ohne dass ständig nur auf ihre Probleme und Unterschiede geschaut wird.

Was hat dich dazu bewegt, deine Geschichte zu schreiben? Wann hast du festgestellt, dass du schreiben musst? 

Am Anfang des Jahres 2017 habe ich nach erfolglosen 16 Jahren Psychotherapien und so ziemlich jeder Therapieform, sowie diversen Krankenhaus Aufenthalten die PEM (Perdekamp`sche Emotions Methode) kennengelernt.
Die PEM ist ein körperbasiertes Training was dabei unterstützt die eigenen Emotionen zu verstehen, zu kommunizieren und Blockaden auf rein körperlicher Ebene aufzulösen. Zum Beispiel Ängste.

Dies war für mich ein lebensverändernder Durchbruch, vorher habe ich zum Beispiel mein Leben um meine Ängste herum organisiert, sodass ich die Trigger vermeide, welche die diversen Ängste auslösten. Das hat mich erheblich eingeschränkt. Durch das wiederholte körperliche Training der PEM hat mein Körper gelernt, wie er mit Ängsten gesund umgehen kann, dadurch hat sich die „Angst vor der Angst“ komplett aufgelöst.
Das heißt meine Angst ist kein unbezwingbarer Feind mehr, sondern ich verstehe ihren biologischen Nutzen (aus einer Gefahrensituation fliehen), dadurch ist sie nicht mehr lähmend und kommt wenn dann nur noch individuell und situativ vereinzelt vor und nicht mehr allgemein.

Im Sommer 2017 startete ich nach diesen lebensverändernden Erfahrungen in Hamburg ein soziales Projekt um andere Menschen durch dieses Emotionstraining zu unterstützen. Nach kurzer Zeit bat mich der Droemer Knaur Verlag darum mit ihm ein Buch über mein bisheriges Leben, meine Erfahrungen und über den Beginn meines Projektes zu schreiben. 

In der Hoffnung mit diesem Buch und durch vollkommene Offenheit und Ehrlichkeit anderen Menschen in ähnlichen Situationen weiterhelfen zu können, willigte ich ein. Mit meinem Buch möchte ich anderen Menschen zeigen, dass es sich lohnt für sich selbst zu kämpfen und dazu zu stehen wer man ist, egal in welcher Situation man gerade ist.

Magst du für meine Leser mit 3 Sätzen auf dein Buch neugierig machen? 

Mein Buch erzählt meine Reise von Unterschieden zu anderen Menschen, die ich früher nie greifen oder verstehen konnte, von dem Tod eines geliebten Menschen, von der Suche nach einem Weg die damit einhergehenden Emotionen und den Druck der durch sie in mir wuchs rauslassen zu können.
Von dem Weg in ein tiefes Tal in dem dieser Druck an nicht ausgelebten Emotionen so groß wurde, dass ich schließlich kaum noch etwas aufnehmen und fühlen konnte.
Von erster Liebe, Sexualität und deren Verlust, und von einem teilweise einsamen Kampf in dem Glauben daran, dass mein Leben mehr Inhalt haben kann, als mit 20 berentet, entmündigt, arbeitsunfähig und als Hoffnungsloser Fall deklariert im Betreuten Wohnen festgehalten zu werden. 

Für mich am wichtigsten ist aber, dass es auch den Weg und Kampf aus diesem Tal heraus beschreibt, hinein in ein glückliches Leben, mit großartigen Menschen und einer Aufgabe, die mich mit Leidenschaft erfüllt. Mein Buch will Menschen in ähnlichen Situationen Mut machen, sich und ihre Träume nie aufzugeben und dafür zu kämpfen, egal was ihnen ihr Umfeld oder „Spezialisten“ darüber suggerieren wer sie sind oder was sie können.

Menschen die dies erleben oder miterleben wollen, nehme ich in meinem Buch mit auf meine Reise. 

Ich lese Querbeet fast alles was mir in die Finger kommt. Gerne auch mal naturwissenschaftliche Bücher wie zum Beispiel „Eine kurze Geschichte der Zeit“ von Stephen Hawking. Gibt es für dich Bücher, die dich reizen? 

Mich reizen vor allem Bücher die im (High) Fantasy Bereich angesiedelt sind. Das ist so ziemlich die einzig wahre Liebe, die ich Buch technisch habe. 

Zum Beispiel Patrick Rothfuss, Brent Weeks, Peter V. Brett und Brandon Sanderson. 

Meine absolute Lieblingsreihe ist die Askir Saga von Richard Schwartz. Mit Havald, der Hauptfigur kann ich mich irgendwie sehr gut identifizieren und die Reihe lese ich 1-2 mal pro Jahr komplett an einem Stück durch, schlafe kaum und bin danach immer sehr traurig, dass die Geschichte endet.
(Wie in meinem Buch beschrieben verwirrt mich aber manchmal die Beziehungsanbahnung, weil es so kompliziert erscheint)

Wenn ich an Autismus denke, fällt mir sofort der Begriff Inselbegabung auf. Hast du für dich eine entdeckt und magst sie uns verraten? 

Vorweg möchte ich eine kurze Richtigstellung einbringen: 
Menschen mit einer Inselbegabung nennt man Savants. Schätzungsweise 50-100 Menschen auf der Welt haben eine Inselbegabung. Da diese Menschen manchmal zusätzlich Autisten sind, wird Inselbegabung falscherweise oft mit Autismus in direkte Verbindung gebracht.
Eine Inselbegabung bezieht sich jedoch nur auf ein Gebiet.
Viele Autisten haben Spezialinteressen. Diese können sich im Laufe des Lebens ändern und sind nicht unbedingt nur auf ein Gebiet bezogen. 

Neben authentischen Emotionen, die wohl ein Spezialinteresse von mir sind, da die Suche nach authentischen Emotionen sich wie ein roter Faden durch mein Leben zieht, fällt mir nur mein Wissensdurst und eine Begabung für das Formulieren ein.
Ob dies jetzt als Spezialinteresse zählt, will ich nicht festlegen. Jedoch ist es so, dass ich mich für immer neue Themen begeistere und sehr tief mit Ihnen beschäftige, ich arbeite mich sehr intensiv ein und bin dabei höchst fokussiert.
Besonders fiel das beim Start von meinem Projekt auf. Bedenkt man, dass ich bis auf Design-technische Dinge alles selbst gemacht habe und nichts davon vorher konnte, gibt es eine Spanne von Themen, über die ich mir erst Wissen erarbeiten musste. Zum Beispiel: Websiten Erstellung, Projektmanagement, Videoaufnahmen, das Schneiden von Videos, das Üben vom Vorlesen, den Aufbau von Kontakten, Konzeptionieren eines Runden Tisches, der Erstellung eines Podcastes, das Schreiben eines Konzeptes für Arbeitsförderungsmaßnahmen, etc.
Ich kann sagen, ich liebe es mich immer weiterzuentwickeln.

Als Kind wollte ich unbedingt zur See fahren und Kapitän werden. Als Tochter von einem Seemann und einer Lehrerin nicht ganz ungewöhnlich. Was war dein Berufswunsch als Kind? 

Lange Zeit gab es da bei mir recht wenig. Ich konnte mir nie konkret vorstellen, was ich mal werden will oder später machen möchte. In meiner Jugendzeit wollte ich gerne mit Menschen arbeiten, sie unterstützen und ihnen helfen. Zu der Zeit schien das aber sehr realitätsfern und utopisch, deshalb habe ich lange gebraucht um herauszufinden was ich gut kann und was ich machen möchte.
Mir war aber klar, dass ich nicht „irgendwas“ machen will, sondern etwas, was mich mit Leidenschaft erfüllt, was selten langweilig wird und woran mein Herz hängt. Am besten etwas, was mich privat ebenso erfüllt, da mir diese Abgrenzung sehr schwerfällt, eigentlich ist sie fast unmöglich. Über die Zeit und besonders auf Amrum habe ich mir das was ich kann bewusst gemacht. 
Aber erst bei PEM konnte ich meine Stärken entfalten und für eine Sache einsetzen, die ich mir vorstellen kann ein Leben lang zu machen. Hier kann ich Menschen unterstützen, etwas Gutes tun und in einem Umfeld mit Menschen arbeiten, die ich sehr gerne habe, auch weit über den beruflichen Rahmen hinaus.

Ich kenne Hamburg hauptsächlich von der Durchreise von Holdorf nach St. Peter- Ording und wieder zurück. Gibt es einen Platz in Hamburg, den du mir besonders empfehlen kannst?

Das PEM Theater an den Elbbrücken, für mich ist dies der Ort, wo ich zum ersten Mal sein konnte wie ich bin, wo mir niemals das Gefühl gegeben wurde „anders“ oder gar „falsch“ zu sein. Wo mir reflektiert wurde was ich kann, als ich es selbst noch nicht wahrnahm und wo ich immer bestärkt wurde und wo ich auch in meiner Freizeit hauptsächlich wegen der Atmosphäre und den Menschen gerne und lange bin.

Es ist auch der Ort wo mich Theateraufführungen zum ersten Mal so sehr berührt haben, dass ich geweint habe in einer Vorstellung. Für mich ist das Theater der Ort, dem ich jedem empfehlen mag. Menschen, die herkommen, bemerken recht schnell die besondere Atmosphäre.
Für mich ist dies der Ort, den ich uneingeschränkt empfehlen kann und sei es nur um sich ein Theaterstück oder Konzert anzusehen und sich dadurch berühren zu lassen. 

Mein Blog heißt „Kerstins Kartenwerkstatt“ und zeigt meine kreative Seite und meine Lesesucht. Mit kleinen Sketchnotes versuche ich meine Leseeindrücke festzuhalten. Hast du auch eine kreative Ader?

Leider muss ich gestehen, dass ich kreativ, bis vielleicht aufs Schreiben, eher unbegabt bin oder aber meine Begabung noch nicht gefunden habe, weshalb ich sehr dankbar für unseren tollen Designer bin 😊.
Jedoch entdecke ich gerade den Gesang für mich, wer weiß, vielleicht ist das ja irgendwann vorzeigbar. Ich trainiere hier wöchentlich daran und es macht mir viel Freude ganz ohne Erwartungen zu sehen, wie gut die Fortschritte im Training sind und wo es mich hinführt.
  

Ich bin ein kreativer und sehr strukturierter Mensch. Für mich muss alles immer an der gleichen Stelle liegen. Bevor ich an einem Arbeitsplatz arbeiten kann, lege ich alle Stifte an ihren Platz zurück. Meine Kollegen schmunzeln immer wieder über dieses Verhalten. Wie organisiert sieht es an deinem Schreibtisch aus? 

*pfeif* Mein Schreibtisch ist ein Schlachtfeld. 
Durch die vorher erwähnte Arbeit in vielen Themengebieten arbeite ich selten nur an einem Projektpunkt. 
Ich habe mir durch Apps und ein gutes Gedächtnis Wege geschaffen, wie ich immer alles im Blick habe, aber genauso offen bin für jede Idee, die mir kommt. Die Ideen sprudeln dann oft in meinem Kopf heraus und werden teilweise mitten in der Nacht direkt angegangen oder notiert.
Da ich keine klassische Arbeitszeit habe, weil ich das gar nicht in so einen Rahmen pressen wollen würde, ist es zwar immer geordnet in der Durchführung aber teilweise sehr chaotisch wirkend in der Entstehung, damit es dann geordnet durchgeführt werden kann. Das spiegelt mein Arbeitsplatz wieder, aber auch die teilweise 70 Tabs im Firefox, wenn ich mich mal wieder zu einem neuen Thema informiere. 

Ich mag das und wenn es mir wirklich zu unordentlich wird, räume ich alles einmal feinst säuberlich auf und lasse das Chaos wieder neu entstehen. 
Ich denke da sollte jeder das finden, was für ihn funktioniert und das ist dann auch vollkommen in Ordnung. 

Möchtest du meinen Lesern noch etwas mit auf den Weg geben? 

In meinem Buch steht es für mich sehr detailliert beschrieben, unabhängig davon möchte ich es jedoch jedem Menschen mitgeben. 
Glaubt an euch, selbst wenn es kein anderer tut. Verfolgt eure Ziele und füllt euer Leben mit Leidenschaft und Menschen, die euch gut tun. Und wenn es im Leben hart wird und düster und vielleicht auch einsam, gebt euch nicht auf, es lohnt sich so sehr neue Wege zu suchen und weiter zu machen, selbst wenn die Umstände komplett dagegensprechen. 
Ich wünsche euch, dass ihr euren Weg geht und wenn ihr möchtet euch auf das konzentriert, was euch einzigartig macht und wo eure Stärken liegen. Schwächen gehören ebenso zum Leben dazu, mir hat es sehr geholfen mir meine einzugestehen, sie anzunehmen und nicht über den oft vergeblichen und mühsamen Versuch meine Schwächen auszumerzen meine Stärken komplett zu vernachlässigen.

Vielen Dank für das Interview und deine Fragen, es hat mir sehr viel Freude gemacht sie zu beantworten.Liebe Grüße

Lieber Aaron, ich danke dir für deine Worte. Ich habe durch deinen Roman eine ganz neue Sicht auf die Dinge bekommen. Ich kann dir nur zustimmen, dass man an sich selbst glauben soll und das Leben mit Menschen teilen soll, die einem gut tun.

Hier findest du meine Rezension zum Buch.

Die Fotos wurden mir von der Mainwunder Agentur, Aaron Wahl und dem Droemer-Knaur Verlag zur Verfügung gestellt.

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