Blinddate mit Annie: Hauptspeise

Willkommen in Kerstins Kartenwerkstatt. Heute entführe ich dich auf das letzte Blinddate mit Annie. Die Veranstaltung dazu findest du unter folgendem Link bei Facebook: https://www.facebook.com/events/1760317177337352/

Blind Date mit Annie

Menü des Tages

Menü des Tages: Evan

Den Aperitif durftest du schon bei Katja einnehmen. Auch die Vorspeise wurde schon serviert von Eva. Nun darfst du es dir bei mir (Kerstin) mit der Hauptspeise gemütlich machen. Und dann schicke ich dich noch weiter zum Abschluss zu Ricky, die mit dem Dessert aufwartet.

EVAN – GRÜNE WELLE (Wild Boys 5)

von Annie Stone

EVAN-Grune-Welle-5 von Annie StoneKindle Edition
344 Seiten (Print Ausgabe)
Preis: 3,99 €

Hauptspeise: Evan – Kapitel 1

Als er hinten auf dem Jetski sitzt, fragt sich Evan Lexington, was er da eigentlich tut. Sein ganzes Leben hat er davon geträumt, die höchsten Wellen zu bezwingen. Und jetzt? Jetzt ist er angekommen. Er ist da, wo er immer sein wollte. Eigentlich sollte ihn das freuen. Er sollte glücklich sein. Aber wieso ist er es dann nicht?

Warum ist da nur Leere, wo eigentlich Glück sein sollte?

Oder weiß er vielleicht gar nicht, was Glück ist?

Doch. Doch, er weiß, was Glück ist. Glück ist, Emily in den Armen zu halten. Glück ist auch, mit Josie und Liam zu lachen. Und es ist, mit seinen Freunden zu sprechen. Aber wann hat er das das letzte Mal getan? Er kann sich kaum erinnern, wann er seine Freunde das letzte Mal getroffen hat. Auch Telefonate sind schon viel zu lange her. Wann ist er zu dem Menschen geworden, der seine Freunde vergisst?

Der Jetski-Fahrer zeigt mit dem Daumen nach oben, es ist an der Zeit, dass Evan auf sein Surfboard klettert. Hundertmal hat er es schon getan, aber zum ersten Mal fehlt die Aufregung. Dieses Kribbeln, das ihm wie kein anderes das Gefühl von Lebendigkeit gibt. Nur dieses Mal stellt es sich nicht ein.

Was fühlt er dann? So genau weiß er das gar nicht. Es fühlt sich … hohl an. Taub. Benommen. Irgendwie … leer halt. Ganz anders als all die Euphorie, die sonst durch ihn schwappt. Wenn er ehrlich ist, fühlt er gerade gar nichts.

Evan steigt auf sein Surfboard, greift nach dem Seil, das ihn wie beim Wasserski mit dem Jetski verbindet. Und dann heißt es erst einmal warten. Als sich hinter ihnen eine Welle aufbaut, gibt der Fahrer erneut ein Zeichen. Er fährt an, und Evan wird durch das Wasser gezogen. Ein Jetski kann unglaublich Fahrt aufnehmen, weswegen es die Surfer schaffen, Wellen zu reiten, die bis zu hundert Fuß hoch sind. Nur mit der Kraft ihrer Arme ist das nicht zu erreichen.

Als er über den Wellenkamm hinaus ist, lässt er los. Dieser eine Moment, dieser Moment, in dem er sich schwerelos fühlt, bedeutet ihm diesmal nichts. Alles, was er tut, fühlt sich beinahe mechanisch an. Die Freude ist weg. Wie kann das sein? Wie kann es dazu kommen, dass das, was ihm den meisten Spaß gemacht hat, jetzt nicht mal mehr ein müdes Lächeln hervorbringt? Wo ist das Hochgefühl geblieben?

Er bekommt den Kopf nicht frei. Seine Gedanken überschlagen sich, haben nichts mit dem Surfen zu tun, wandern in alle Richtungen. Er weiß, er muss sich konzentrieren. Kann sich nicht ablenken lassen. Wenn man nicht hundertprozentig fokussiert ist, können schlimme Dinge passieren. Big-Wave-Surfing vergibt keine Fehler.

Und obwohl er das weiß, schafft er es nicht.

Es fühlt sich anders an. Nicht so, als würde er die Welle beherrschen, sondern als würde er von ihr beherrscht. Noch nie war er so wenig anwesend.

Als die Welle über ihm zusammenbricht, wundert er sich fast gar nicht. Doch dann wird es plötzlich dunkel.

Als er von der Welle verschluckt wird, halte ich den Atem an. Es ist nicht das erste Mal, dass ich es sehe. Aber immer wieder ist es aufregend. In Windeseile sind die Jetskis an der Stelle, an der er untergegangen ist. Ich bohre mir die Fingernägel in die Handflächen, kaue auf meiner Lippe, halte den Atem an. Wann taucht er wieder auf? Und wo ist er überhaupt? Meine Augen suchen das Meer ab. Wie lange ist er jetzt schon unten? Eine Minute, zwei?

Man kann die Aufregung der anderen beinahe spüren. Es liegt so ein Hauch von Vorahnung in der Luft. Als wüssten wir alle, dass gerade etwas Schlimmes passiert. Es ist so ein kollektives Luftanhalten.

Als ich mich kurz umschaue, sehe ich die blassen Gesichter seines Teams, die jede Sekunde weißer werden. Schnell starre ich wieder gebannt auf das Meer. Auf diese unendliche Weite, die an dieser Stelle in Portugal eine ganz besonders wilde Seite zeigt. Die tobenden blaugrauen Massen, die an anderer Stelle so friedlich sein können, jagen mir einen kalten Schauer über den Rücken. In diesem Augenblick weiß ich nicht einmal mehr, ob ich das Meer überhaupt mag. Dabei bin ich sonst eine richtige Wasserratte. Man kann mich kaum rausbekommen, wenn ich einmal drin bin. Aber dies hier? Dies ist gruselig.

Wie viele Minuten sind es nun? Drei, vier? Wie lange kann er unter Wasser überleben? Drei Minuten? Fünf?

Wo ist er? Müsste er nicht längst aufgetaucht sein? Nicht einmal sein Surfboard ist zu sehen.

Plötzlich schreit jemand: »Da! Da!«

Alle Blicke folgen seinem Zeigefinger. Was ich sehe, lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Er sieht so leblos aus. Sein schwarzer Neoprenanzug, seine normalerweise blonden, jetzt aber durch das Wasser dunklen, Haare tauchen auf, aber er rührt sich nicht. Kein bisschen.

Es ist wie ein Reflex, ich schlage meine Hand vor den Mund. Ich weiß gar nicht, wieso. Nur, dass es scheinbar das universelle Zeichen für Schockiertheit ist. Jetzt ist ein Jetski bei ihm, der Fahrer greift nach ihm und zieht ihn halb auf das Fahrzeug. Immer noch bewegt er sich nicht. Um mich herum scheint der gesamte Sauerstoff aus der Atmosphäre gezogen zu werden. Alle hier sind erschüttert. Dabei sollte es uns nicht verwundern. Wir wissen alle, wie gefährlich diese Sportart ist. Und trotzdem stehen wir hier, feuern die jungen Männer an, die diese Heldentaten wagen. Und vergessen dabei manchmal, dass sie ihr Leben aufs Spiel setzen.

Ein Boot mit medizinischem Personal – so hoffe ich zumindest – rast zur Unglücksstelle. Vorsichtig wird Evan aus dem Wasser gezogen. Ich greife nach meinem Fernglas, das ich bisher in meiner Tasche verstaut hatte. Ich stelle es scharf, versuche, Dinge zu sehen, die auf diese Entfernung nicht zu sehen sind. Bewegt er sich?

Auf diesem Hügel in der Schornsteinschlucht von Nazaré in Portugal stehen Journalisten und Freunde der Surfer. Und so zwiegespalten sind auch die Reaktionen. Erstere schreiben hektisch auf ihren Blöcken, tippen in ihre iPads oder rufen in ihren Redaktionen an. Letztere sind stumm.

Und da bin ich. Stumm.

Selbst, wenn ich wollte, könnte ich meinen Block gar nicht halten. Meine Finger wären viel zu tollpatschig auf dem Touchpad. Und ich selbst könnte wahrscheinlich nicht mal die richtigen Worte finden, um sie meinem Redakteur zu erzählen. Wieso?

Ich kenne ihn nicht. Oder sagen wir besser: nicht persönlich. Ich kenne ihn als einen der besten Big-Wave-Surfer der Welt. Mehr nicht. Dass ich hier bin, dass ich hier sein darf, ist eigentlich auch nur Zufall. Ich mache ein Praktikum bei der Sportzeitung, einem der renommiertesten Sportmagazine Australiens. Als Praktikantin kocht man Kaffee, sortiert Akten, recherchiert uninteressante Details für die Redakteure und ist im Grunde genommen das Mädchen für alle Fälle. Aber auf gar keinen Fall steht man auf einem Hügel in Portugal und sieht zu, wie junge Männer aus aller Welt versuchen, den Weltrekord im Wellenreiten zu brechen. Ich weiß immer noch nicht, wieso ich hier bin.

Und wenn ich es mir recht überlege, möchte ich auch gar nicht hier sein. Zumindest nicht in diesem Augenblick.

Sie haben ihn an Bord geholt. Zwei Menschen beugen sich über ihn. Mehr kann ich nicht sehen. Um mich herum fliegen Wortfetzen. »Die Welle hat ihn überrollt«, »es sieht nicht gut aus«, »was für ein Crash!« Ich will sie gar nicht hören, aber ich kann die Ohren auch nicht verschließen.

Ein Stückchen weiter weint eine junge Frau. Sie hat rote Haare, Sommersprossen und eine helle Haut. Eine Hand hat sie vor den Mund geschlagen, die andere umklammert den Arm eines großen Mannes, der ein kleines Mädchen auf dem Arm hat. Sie ist zu jung, um alles zu begreifen, aber der Mann schaut mit Sorge im Blick auf das Meer. Wer sie wohl sind?

Das Boot entschwindet unseren Blicken. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Soll ich in den Ort fahren, versuchen, so viel wie möglich in Erfahrung zu bringen? Oder versuche ich hier, mit Menschen in Kontakt zu treten, die ihn kennen? Das kommt mir pietätlos vor. Aber richtige Journalisten machen das, oder? Sie stehen vor den Gemetzeln der Welt, halten ihre Mikrofone ins Geschehen und machen Fotos vom Leid anderer Menschen. Manchmal frage ich mich, wie viel Information und wie viel Sensationsgeilheit ist.

Meine Kollegen haben solche Gewissensbisse nicht. Sie stürzen sich beinahe auf die rothaarige Frau, deren Gesicht einen gehetzten Ausdruck annimmt. Ich kann das nicht, das wird mir in dieser Sekunde klar. Ich möchte aus dem Leid anderer keine Geschichte machen. Ganz im Gegenteil.

Im Bruchteil einer Minute treffe ich eine Entscheidung. Ich eile zu meinem Mietwagen, reiße die Tür auf, lege den Rückwärtsgang ein und setze etwa hundert Meter zurück. Bis ich neben der rothaarigen Frau zu stehen komme. Ich lehne mich über den Beifahrersitz und öffne die Tür.

»Steigen Sie ein!«

Ihr entsetzter Blick weilt auf mir, bevor sie zu dem Mann blickt, der versucht, die Meute in Schach zu halten. Er nickt kurz, und sie steigt ein. Er selbst öffnet die hintere Tür und nimmt mit dem kleinen Mädchen auf der Rückbank Platz. Ohne ihnen Zeit zum Anschnallen zu geben, lege ich den ersten Gang ein und jage davon.

»Vielen Dank«, höre ich die dunkle Stimme des Mannes. Ich schaue in den Rückspiegel und treffe auf ein Paar blaue Augen, die mich abwartend anstarren. Als wüsste er noch nicht, was er von mir halten soll. Als könnte er sich keinen Reim darauf machen, wieso ich sie gerettet habe, als würde er erwarten, dass ich sie gleich dem Feind ausliefere.

»Sie sahen aus, als bräuchten Sie Hilfe«, erwidere ich. »Wo soll ich Sie hinbringen?«

Die rothaarige Frau dreht sich zu dem Mann um. »Was meinst du, wo sie ihn hinbringen?«

»Ich schätze, sie bringen ihn nach Lissabon.«

Sie tastet in ihrer Handtasche und zieht ein Handy heraus. »Ich rufe Joe an.«

Joe Silver? Hat diese mysteriöse Frau tatsächlich die Telefonnummer von Evan Lexingtons Trainer? Wer ist sie? Seine Freundin? Aber wer ist dann er? Ich bin furchtbar neugierig – Berufskrankheit –, will aber auch nicht fragen, will nicht, dass sie glauben, dass ich sie nur deswegen mitgenommen habe. Aber wieso ist mir das wichtig? Ich sollte mich auf die Suche nach der besten Story machen.

»Joe? Wo haben sie ihn hingebracht? Wie geht es ihm? Ist er bei Bewusstsein?«, spricht sie in ihr Handy. Dann lauscht sie einen Augenblick, bevor sie antwortet: »Wir sind auf dem Weg. Kannst du mir die Adresse schicken?«

Als sie aufgelegt hat, wartet sie auf das »Ping« ihres Handys, das die versprochene Adresse ankündigt. Als sie sie bekommen hat, gibt sie sie an mich weiter.

»Würden Sie uns dahin bringen?«, fragt sie. Sie sieht immer noch nicht ganz sicher aus, ob sie mir vertrauen kann. Aber sie scheint zu sehen, dass sie keine andere Wahl in diesem Augenblick hat.

»Natürlich. Also ist alles nicht so schlimm?«

Sie schluckt schwer. »Dazu konnte er sich noch nicht äußern. Evan wird mit dem Helikopter nach Lissabon geflogen. Aber Joe ist gerade am Hotel und kann uns mitnehmen.«

Diese Nachricht gefällt mir gar nicht. Die Journalistin in mir sollte jetzt wohl die Story sehen, aber alles, was ich sehe, ist das von Sorgen zerfurchte Gesicht der jungen Frau neben mir. Wie kann ich an meinen Job denken, wenn jemand anderem das Herz blutet?

»Ich kann Sie auch nach Lissabon bringen.«

Woher diese Worte kommen, weiß ich gar nicht, aber sie fühlen sich richtig an. Ich würde für sie die hundert Kilometer auf mich nehmen.

Sie sieht mich skeptisch an. »Was ist für Sie drin?«

Ihre harschen Worte dringen durch den Schutzpanzer, den ich mir vor Jahren zugelegt habe. Ich kann verstehen, dass sie misstrauisch ist, aber ich wollte nur helfen.

»Es war nur ein Angebot«, sage ich leise.

Der Mann auf der Rückbank mischt sich ein: »Wir wissen das zu schätzen, aber bringen Sie uns zum Hotel.«

»Alles klar.«

Es dauert nicht lange, bis wir da sind. Sie bedanken sich und steigen aus. Einen Augenblick bleibe ich auf dem Parkplatz stehen, weiß nicht, was jetzt angebracht wäre. John Bradford, mein Redakteur, würde von mir erwarten, die Story zu bekommen. Aber wo finde ich sie? Meine einzige Quelle habe ich gerade gehen lassen.

Ich greife nach meinem Handy und wähle die Nummer von Meredith, meiner besten Freundin. Wir haben uns an der Uni kennengelernt, haben uns gegenseitig unterstützt und immer alles gemeinsam gemacht. Als wir beide ein Praktikum bei dem gleichen Magazin ergattert haben, konnten wir unser Glück kaum fassen.

»Hallo?«

»Hey. Ich bin’s. Bist du in der Redaktion?«

»Hey, Tink. Ja, klar. Was brauchst du?«

»Evan hatte einen Unfall. Kannst du herausfinden, wo sie ihn hingebracht haben?«

Ich höre, wie sie die Tastatur zu sich zieht, und beginnt, zu tippen. »Einen Moment«, murmelt sie.

Ich kann es genau vor mir sehen, wie sie den Hörer zwischen Kinn und Schulter einklemmt, die Zungenspitze ein wenig zwischen den Lippen hervorblitzt und die Stirn in Falten gezogen ist. So sieht sie immer aus, wenn sie konzentriert ist.

»Es ist gerade über den Ticker reingekommen«, spricht sie leise vor sich hin. »Aber noch gibt es keine weiteren Informationen. Das ist eine große Story, Tink. Versau es nicht.«

»Das habe ich nicht vor. Aber ich weiß nicht, wie ich an die Story komme.«

In dem Moment wird an die Fensterscheibe geklopft. Ich schaue hin und sehe den Mann von der Rückbank.

»Wart mal kurz«, sage ich zu Meredith und lasse das Fenster runter. »Was gibt es?«, frage ich ihn.

»Hey, haben Sie das Angebot ernst gemeint? Würden Sie uns tatsächlich nach Lissabon bringen?»

Ich drücke den roten Punkt an meinem Handy, hoffe, dass Meredith es verstehen wird. Auf einmal scheint meine Story wieder in greifbarer Nähe zu sein.

»Na klar. Das kann ich gerne tun.«

Er lächelt mich an, und dieses Lächeln ist wie ein Sonnenstrahl an einem trüben Tag. »Danke. Ich bin übrigens Liam.«

»Ich bin Tinka.»

»Angenehm.« Er dreht sich in Richtung des Hotels und ruft: »Josie! Sie bringt uns hin.«

Die rothaarige Frau, von der ich nun weiß, dass sie Josie heißt, sieht erleichtert aus. Sie eilt zu meinem kleinen Mietwagen und schaut durch das Fenster.

»Vielen, vielen Dank! Joe ist einfach ohne uns gefahren.«

»Na ja«, meint Liam, »er hatte die Chance, mit Evan im Helikopter zu fliegen. Die hättest du auch ergriffen.«

»Jaja«, gibt sie unwirsch zurück. Dann blickt sie wieder zu mir. »Vielen, vielen Dank. Das ist eine ganz schöne Strecke. Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll. Ich bin übrigens Josie.«

Mir fällt auf, dass sie genau die gleiche Formulierung wie Liam verwendet. Ist es nicht so, dass Menschen sich immer weiter anpassen, je länger sie zusammen sind?

»Ich bin Tinka. Und das sind wirklich keine Umstände.«

Innerlich bin ich zwiegespalten. Auf der einen Seite ist dieses Praktikum alles, was ich jemals wollte. Auf der anderen Seite habe ich das Gefühl, sie zu hintergehen.

Ich versuche, diese Emotion abzuschütteln. Aber es ist gar nicht so leicht. Vor allem dann nicht, wenn Schuldgefühle sowieso etwas sind, das man die ganze Zeit mit sich herumträgt.

Liam gibt mir die Adresse des Krankenhauses in Lissabon, und ich tippe sie in das Navi, welches ich mit gemietet habe. Hundertacht Kilometer.

Vielleicht habe ich ja den Mut – oder vielleicht besser die Kaltschnäuzigkeit –, in dieser Stunde Informationen aus ihnen herauszubekommen. Mein Gewissen, das sich wie immer in unpassenden Momenten meldet, versuche ich, zu ignorieren.

Als wir ein paar Kilometer gefahren sind, fragt Liam: »Aus welchem Grund waren Sie heute da?«

Diese sieben Worte sind es, die ich befürchtet habe. Natürlich wollen sie wissen, wer ich bin. Schließlich könnte ich eine Journalistin sein, die diese Geschichte ausschlachten will. Ich verstehe es. Und trotzdem verfluche ich diese Frage. Ich will ehrlich sein. Und gleichzeitig habe ich das Gefühl, als könnte ich es nicht sein. Was tun? Engelchen und Teufelchen sitzen auf meinen Schultern. Das Engelchen sagt: »Sag ihnen die Wahrheit.« Das Teufelchen meint: »Du hast so lange auf diese Chance gewartet, hast dir den Arsch aufgerissen. Du hast diese Story verdient.«

Und ich? Ich bin dazwischen. Die Schuldgefühle, die sowieso ein ständiger Begleiter sind, flammen auf. Sie nagen an mir, ganz besonders an Tagen, die eine besondere Bedeutung haben. Heute ist zwar nicht so ein Tag, aber gestern. Es muss nicht mal ein Geburtstag sein, es kann auch ein anderes Jubiläum sein. Das erste Lächeln, der erste Blick. Manchmal sind es auch Dinge, die nur peripher etwas mit ihm zu tun haben. Das erste Mal, als ich etwas für ihn gekauft hatte. Das erste Mal, als ich fühlte, dies ist für immer. Und gestern? Gestern war der Tag, an dem ich gegangen bin. Auch nach all den Jahren tut es genauso weh.

Ich schüttele den Kopf, versuche, die trüben Gedanken zu vertreiben. Will mich aufs Hier und Jetzt konzentrieren.

»Hm, es ist mir ein bisschen unangenehm.«

Er lächelt leicht. »Ein Groupie?«

Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes sagen, aber Groupie ist eigentlich noch viel besser. Okay, ich opfere meine Würde auf dem Altar der Karriere, aber alles andere wäre auch nicht besser. Ich kann ihnen nicht sagen, was ich wirklich bin. So leid es mir tut, so gerne ich ehrlich wäre, manchmal muss man auf das Teufelchen hören. Das Engelchen schreit auf, will mich überzeugen, mich auf den Pfad der Tugend zurückführen, aber ich habe meine Entscheidung getroffen.

Ich tue so, als wäre es mir unangenehm. »Na ja, so ein bisschen. Nicht so ein Megagroupie, aber ich war ohnehin im Urlaub in Portugal«, jetzt ist es sowieso egal, da kann ich auch richtig lügen, »und dachte, das wäre doch die Gelegenheit.«

Liam grinst. Als hätte ich gesagt, ich habe nur darauf gewartet, einen der Surfer zu bespringen. »Und für welchen schlägt Ihr Herz?«

Wieder frage ich mich, was wohl die richtige Antwort ist. Soll ich sagen, dass es Evan ist? Macht mich das zu einem Creep?

»Ach komm, Liam«, lässt sich Josie vernehmen. »Es ist doch ganz klar! Evan steckt doch alle locker in die Tasche.«

»Dass du da nicht besonders objektiv sein kannst, geliebte Ehefrau, ist mir bewusst. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, du bist immer noch ein bisschen in ihn verliebt.«

Ich schaue zu ihm, will in seinem Gesicht lesen, ob dies ein Scherz war oder ernst gemeint. Aber sein Grinsen verrät alles.

Josie lächelt leicht. »Evan wird immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben.«

»Ich bin so froh, dass er für dich da war, als du jemanden brauchtest. Und umso trauriger, dass ich es nicht war.«

Josie, die dieses Mal hinten sitzt, und das kleine Mädchen im Arm hält, beugt sich vor und legt ihm die Hand auf die Schulter. Wie automatisch legt sich seine Hand auf ihre. »Das liegt doch schon so weit zurück. Wir sind jetzt an einem ganz anderen Punkt, als wir es damals waren.«

»Ich weiß, aber es tut mir trotzdem leid.«

»Deswegen liebe ich dich.«

Ich bin mucksmäuschenstill, will diesen Moment nicht unterbrechen, fühle mich gleichzeitig aber auch fehl am Platz, als sollte so ein Moment nicht von anderen beobachtet werden. Ich spüre die Liebe zwischen den beiden. Bisher habe ich so eine starke Liebe immer nur mit der Welt der Filme in Verbindung gebracht. Jetzt aber wird mir klar, dass Filme nur die Wirklichkeit kopieren. Dass es wahre Liebe gibt. Nur weil ich sie noch nicht gefunden habe, heißt es nicht, dass es sie nicht gibt.

»Evan ist auf jeden Fall eine gute Wahl«, meint Liam augenzwinkernd zu mir. »Von Darren dagegen würde ich Ihnen abraten.«

»Wieso das?«

»Er ist ein Arsch.«

»Liam!«, ruft Josie vom Rücksitz. Im Rückspiegel sehe ich, wie sie der Kleinen die Ohren zuhält.

»Arsch!«, kräht die Kleine vergnügt. Bisher war sie überraschend leise. Aber jetzt kichert sie vor sich hin.

»Entschuldige«, meint Liam zerknirscht.

»Du bringst sie ja nicht in den Kindergarten«, meint Josie, macht aber keinen verärgerten Eindruck. »Die Kindergärtnerinnen werden mich wieder ansehen, als sei ich ein Monster.«

Liam grinst. »Schieb das einfach auf mich. Sie glauben ja eh schon, dass ich der Antichrist bin, weil ich dieses Skandalblatt leite.«

Skandalblatt? Das hört sich interessant an. Ist er gar ein Kollege?

»Skandalblatt?«

»Hart News«, meint Liam.

Wenn ich nicht fahren würde, würde ich ihn nun anstarren. Aber das kommt, glaube ich, nicht so gut, wenn man am Steuer sitzt.

»Ist das dein Ernst?«, frage ich vollkommen ruhig – okay, okay, kreische ich. Ich gebe es ja zu. Dabei fällt mir gar nicht auf, dass ich ihn duze.

Er lächelt, wenn ich es nicht besser wissen würde, dächte ich, dass er ein wenig unangenehm berührt ist. »Klar. Es ist meine Zeitung. Es ist nicht die Huffington Post, aber bei der Gründung hätte ich nie zu hoffen gewagt, dass wir mal an diesen Punkt gelangen.«

»Also … Wow. Ich habe Hart News im letzten Jahr verfolgt. Und ich kann nur sagen, dass ich schwer beeindruckt bin. Du oder ihr habt so viele Storys als Erste gehabt, da können sich die Etablierten warm anziehen. Und die Tatsache, dass diese Bestsellerautorin immer nur Interviews mit euch macht, ist ein echter Gewinn.«

Liam schmunzelt, und als ich in den Rückspiegel blicke, sehe ich auch Amüsement auf Josies Gesicht. Ich frage mich, was das zu bedeuten hat.

»Oh ja, dass Hannah Ford quasi exklusiv uns gehört«, ich höre ein Schnauben von der Rückbank, was Liam zum Lächeln bringt, »ist der Hauptgewinn.«

»Ich hab das Gefühl, dass ich den Subtext nicht verstehe«, werfe ich verwirrt ein.

Josie mischt sich ein: »Das kannst du auch gar nicht verstehen.« Mir fällt auf, dass sie ebenfalls zum Du greift. »Ich bin Hannah Ford.«

Und ich schwöre, es ist eine wahre Herkules-Aufgabe, nicht in den Gegenverkehr zu fahren.

»Whoa! Am liebsten würde ich sofort anhalten!«

»Wieso?«, fragt sie.

»Weil … Weil ich sonst gleich einen Unfall baue! Ihr beide könnt mir doch nicht solche Dinge mitteilen, wenn ich gerade fahre!«

Das bringt beide zum Lachen. Liam wirft ein: »Entschuldige, wir konnten ja nicht wissen, dass du ein Fangirl bist.«

»Wer bitte ist denn kein Hannah-Ford-Fangirl? Ich mein, sie ist ja nur die beste Thrillerautorin der Welt!«

»Das schmeichelt mir jetzt«, meint Josie grinsend.

»Steigere doch bitte ihr Ego nicht«, scherzt Liam.

»Klar, dass du es nicht erträgst, dass jemand mal mich anhimmelt.«

»Ich himmele dich an. Reicht dir das nicht?« Er dreht sich zu seiner Frau um.

»Man kann nie genug Fangirls haben.«

Ich kann es nicht fassen. Ich sitze tatsächlich mit Liam Hart und Hannah Ford in einem Auto. Und darüber hinaus sind sie auch noch ganz normale Menschen.

Fast bin ich ein wenig traurig, als wir in Lissabon vor dem Krankenhaus ankommen.

 

MerkenMerken

MerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerken

Advertisements

Ein Gedanke zu “Blinddate mit Annie: Hauptspeise

Ich freue mich über Feedback.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s